Wie alles begann…

Es tut mir leid, dass ich dich habe verkümmern lassen. Ich war verletzt und verwirrt. Ich habe Jahre gebraucht, um darüber hinwegzukommen. Doch mittlerweile weiß ich, dass es nicht deine Schuld war. Du warst noch ein Kind. Du wusstest nicht, was da gerade mit dir passiert war. Jahrelang hast du nicht begriffen, warum du Angst hattest alleine im Haus zu sein, warum du nicht mehr rausgegangen bist zum Spielen und deine Bücher dein Zufluchtsort wurden. Jedes Mal, wenn dich jemand umarmt hat, wurdest du steif wie ein Stock. Jede Berührung war einfach zu viel für dich. Du wolltest nicht angefasst werden. Doch das war nicht der richtige weg. Du hast dich lediglich versteckt. Von Tag zu Tag ging es dir schlechter und alles was dir Freude bereitet hat, waren die Welten in deinen Büchern. Denn in diesen Welten konnte dir niemand mehr weh tun. Niemand konnte dir Gewalt antun. Du warst in Kontrolle. Kontrolle, die dir an diesem Tag genommen wurde. Mit den Jahren hast du dich immer mehr verloren. Bis das Leben dir nur noch Schmerz bereitet hat und jeder Schritt zu viel wurde. Du hast dich selbst und deinen Körper gehasst. Ein Körper der Männer dazu veranlasst hat, sich dir aufzuzwängen. Du hast immer die Schuld bei dir selbst gesucht und das ist auf so vielen verschiedenen Arten und Weisen falsch. Es war nicht deine Schuld. Es war niemals deine Schuld. Du warst erst acht. Du warst so voller Leben. Du wolltest die Welt entdecken und du dachtest nichts und niemand könnte dich je aufhalten. Dafür warst du viel zu entschlossen und mutig. Doch dann änderte sich alles. Dieser Tag und dieser Mann änderten dich. Die Angst übermannte dich und du hast dein wahres Ich tief in dir drin eingeschlossen. So tief, dass du dachtest, dieser Teil von dir wäre für immer gestorben.

Der Wendepunkt

Doch du hast dich getäuscht! Wie schon so oft in deinem Leben. Nachdem du deinen Körper jahrelang durch Bulimie misshandelt und immer öfter an Selbstmord gedacht hast, hattest du irgendwann genug. Du hattest genug davon dich selbst zu verletzen, dich schlecht zu fühlen und jeden Tag einen inneren Kampf mit dir auszutragen, ob du dich umbringen sollst oder nicht. Jedes Mal, wenn du in einem Auto saßt oder ein Messer in der Hand hattest, übermannte dich der Drang einfach das Lenkrad loszulassen oder dir die Pulsadern aufzuschlitzen. Du wolltest endlich nichts mehr fühlen. Du wolltest, dass der Schmerz endlich aufhört. Doch was würde dann aus deiner Familie werden? Du würdest ihnen damit das Herz brechen. Doch du wusstest einfach nicht wie du dich da rausholen solltest. Irgendwann hast du dich selbst vor die Wahl gestellt: Entweder du beendest dein Leben oder du hörst auf dich selbst zu bedauern und fängst wieder an zu Leben. Die Entscheidung viel dir schwer…

Als ein geliebter Mensch sterbenskrank wurde, hast du begriffen wie falsch deine Gedanken sind. Dieser geliebte Mensch wollte unbedingt leben, aber der Krebs unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse. Er nimmt sich was er will und so ist sie von euch gegangen. Und dann gab’s da dich! Du hattest die Wahl! Plötzlich schämtest du dich an Selbstmord auch nur zu denken. Wie könntest du dein Leben so einfach wegwerfen, wenn täglich so viele Menschen sterben ohne die Wahl zu haben? Du konntest das deiner Familie nicht antun und auch nicht ihr. Die, die so sehr leben wollte, aber nicht die Möglichkeit dazu bekam. Außerdem hattest du so viele Träume, die du noch leben musstest. Träume, die du seit damals auf Pause gestellt hattest. Du durftest nicht aufhören zu existieren, nur weil es Menschen da draußen gibt, die dich schlecht behandeln. Die dir übergriffig werden und meinen sie hätten das Recht dich zu kontrollieren oder dir weh zu tun. Diese Menschen haben nur so lange Macht über dich wie du sie lässt.

Du wolltest wieder Leben, aber du wusstest nicht wie. Du warst schon so tief drin. Und um Hilfe bitten, kam nicht in Frage. Du dachtest, niemand würde dich ernst nehmen, dir helfen oder dich gar verstehen. Du hast mit „Bodybuilding“ angefangen. Du warst fünf Mal die Woche trainieren und hast dich LowCarb ernährt. Nach 10 Wochen hattest du 10 Kilo abgenommen. Du dachtest, dass würde dich glücklich machen. Hat es aber nicht. Du bist von einem Extrem ins nächste gegangen. Du hattest zwar keine Angst mehr vor Essen, weil du wusstest, dass du durch eine gesunde Ernährung nicht zunimmst, aber diese gesunde Ernährung war sehr extrem und nicht für dich gemacht. Du wolltest im Leben auf nichts mehr verzichten.

Der Zwiespalt

Also dachtest du, wie wäre es, wenn ich einfach das Land verlasse, wenn ich all das hinter mir lasse und Abstand zu allem gewinne? Dieser Gedanke löste so viel Freude in dir aus wie schon lange nicht mehr, aber gleichzeitig machte es dir solche Angst. Wie könntest du alleine in einem fremden Land geschweige denn Kontinent zu recht kommen? Du kamst ja nicht einmal in deiner Heimat zu recht.

Und dann war da noch sie. Sie war krank und du wusstest nicht, ob sie noch leben wird, wenn du wiederkommst. Wie könntest du sie im Stich lassen? Dieser Gedanke lähmte dich. Du hattest bisher nichts weiter getan als dich mit ihr zu streiten und du wusstest nicht mal wieso. Du warst so wütend. Auf dich, auf den Krebs, weil er deine Familie zerstörte, auf sie, weil sie zwar leben wollte, aber innerlich schon aufgegeben hatte, auf die Welt. In ihr hast du dich selbst gesehen! Du warst wie sie! Mutig, abenteuerlustig, weltoffen, temperamentvoll, kreativ, stur, besserwisserisch, stark, zerbrechlich, sensibel – ein Freigeist eben! Du dachtest immer, dass du adoptiert wurdest, weil du so anders bist als der Rest deiner Familie. Aber als du sie kennengelernt hast, wusstest du, dass das nicht stimmt. Da war plötzlich noch jemand in deiner Familie, der so war wie du! Du hast dich nicht länger allein gefühlt. Doch du hast es ihr nie gesagt, weil du nie gelernt hast mit deinen Gefühlen umzugehen. Dir fällt es einfach schwer deine Gefühle zu offenbaren, vor allem wenn sie positiver Natur sind. Doch sie hat trotzdem gesehen wer du bist. Sie hat dir gut zu geredet. Dich ermutigt zu gehen und dein Leben zu leben. Wenn sie dir nicht den Stoß in die richtige Richtung gegeben hätte, wärst du vielleicht nie gegangen.

Die Lösung

Diese Reise hat dein Leben verändert! Du wurdest wieder mutig und hast aufgehört dich zu verstecken. Du hast wieder angefangen zu leben und DU würdest wieder zu ICH. Doch reisen ist kein Allheilmittel! Wenn du psychisch gesund werden möchtest, musst du bei dir selbst anfangen. Du musst dir selbst positive Gedanken machen. Was nicht immer leicht war, aber mit der Zeit wurdest du immer besser darin. Du hast wieder eine relativ gesunde Beziehung zu Essen entwickelt. Du hast keine Angst mehr davor und nicht jedes Gramm mehr auf der Waage bringt dich zum Weinen. Du willst dich nicht mehr verstecken. Im Gegenteil. Mittlerweile liebst du es sogar zu provozieren. Frei nach dem Motto: „Fickt euch! Mein Körper gehört mir und nur mir allein. Niemand darf mich ohne meine Erlaubnis anfassen!“. Auch wenn die Blicke, der Männer, vor allem von älteren, dich noch stören und du am liebsten im Strahl kotzen würdest, so ist es aushaltbar geworden. Genauso wie, dass Berührungen dir nicht mehr so viel ausmachen wie früher. Du wirst nicht mehr steif, wenn dich jemand umarmt. Du hast seit Jahren nicht an Selbstmord gedacht. Dein Wunsch zu Leben ist mittlerweile so stark geworden. Am Anfang sah es zwar so aus, dass all deine Lasten dich zerquetschen werden, aber du hast es daraus geschafft und du bist stärker als je zuvor.

Das heißt nicht, dass du jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde glücklich sein musst. Jeder ist mal traurig oder wütend und das ist okay so. Für alles gibt es eine Zeit im Leben. Auch heute ekeln dich die Blicke, Sprüche oder Berührungen einiger Männer noch an, doch sie machen dir keine Angst mehr! Genauso wenig liebst du deinen Körper bisher zu 100% und manchmal möchtest du dir einfach den Finger in den Hals stecken, aber du tust es nicht. Du arbeitest jeden Tag an dir selbst und machst dir positive Gedanken. Du manifestierst in deinem Geist, wer du sein willst und was du vom Leben erwartest. Und so kam es, dass du deinen Körper jeden Tag ein bisschen mehr geliebt hast. Du hast erkannt, dass du wunderschön bist, dass du es schon die ganze Zeit warst und das kann dir keiner mehr nehmen. Stück für Stück hast du dir dein Leben zurückgeholt! Ich bin stolz auf dich!

Die unsichtbare Helferin

Jedoch ist mir erst nach ihrem Tod aufgefallen, dass sie wahrscheinlich wusste, wie es in mir drin aussah. Sie hat es mir nie mit den Worten, die aus ihrem Mund kamen, gesagt, sondern durch die Wörter aus Büchern und Gedichten. Eine Sprache, die wir beide sehr gut verstanden haben. Sie hat mir diese Bücher und Gedichte geschenkt, um mich daran zu erinnern, dass ich nicht alleine bin. In diesen Texten ging es um Menschen, die genauso sehr gelitten haben wie ich, aber ihren Weg daraus gefunden hatten. Sie wusste, dass ich ein Sturkopf bin, genauso wie sie, und niemals ihren Rat angenommen hätte. Deswegen hat sie mir ihren Rat durch diese Texte zukommen lassen. Ich würde ihr so gerne dafür danken, denn sie hat dazu beigetragen, dass es mir heute wieder gut geht. Sogar besser als gut! Ich bin wieder ich selbst und genieße das Leben in vollen Zügen. Doch ich werde ihr nie danken können, denn sie ist tot. Doch da sie wie ich war und ich wie sie, bin ich mir sicher, dass sie es weiß. Sie weiß, dass ich sie geliebt habe und dass ich ihr für immer dankbar sein werde. Sie wird für immer in mir weiterleben. Genauso wie in unserem gemeinsamen Traum alle 194 Staaten dieser Welt zu bereisen.